mySugr Diabetes Tagebuch – mySugr

Mit mySugr bringt ein junges Wiener Startup seit 2012 eine ganze Sammlung von Apps für Diabetiker auf den Markt, die das Netz im Sturm erobern. Allenthalben herrscht große Begeisterung. Aber ist die auch berechtigt? Wir haben genau hingeschaut.

1. Details

Das mySugr Diabetes Tagebuch ist Zentrum einer Sammlung von fünf Apps zum Thema Diabetes. Die vier weiteren Apps sind:

  • mySugr Junior – eine Tagebuch-App für Kinder
  • mySugr Scanner – eine App zum Scannen der Anzeige eines Blutzuckermessgerätes
  • mySugr Diabetes Schulung (Academy) – eine umfangreiche Sammlung von Schulungs- und Informationsvideos
  • Diabets Quiz von mySugr – verschiedene Frage-Antwort Spiele zum Thema Diabetes

Die Zielgruppe sind vor allem Kinder und Jugendliche mit Typ I-Diabetes. Das gesamte App-System ist kostenfrei erhältlich, man kann jedoch über In-App-Käufe zusätzliche Funktionen hinzufügen. An dieser Stelle wird nur die kostenfreie Version besprochen.

Geräte und Datenverbindung

Aktuell können sechs verschiedene Geräte mit dem mySugr Diabetes Tagebuch gekoppelt werden:

  • Beurer GL50 evo
  • Accu-Chek Aviva connect
  • Accu-Chek Performa connect
  • iHealth Gluco
  • Sanofi BGStar®
  • Sanofi iBGStar®
Startbildschirm der mySugr Diabetes Tagebuch App

Die Startseite der mySugr Diabetes Tagebuch App zeigt im oberen Bereich den aktuellen Kurvenverlauf, darunter die Mittelwerte des Tages und anschließend eine lange Liste aller erfassten Werte, tageweise geordnet. Mit einem Tipp auf einen Blutzuckerwert öffnet sich die Gesamtansicht aller Eingaben zu diesem Ereignis. Alle lassen sich ändern und löschen.

Manuelle Datenerfassung und -ergänzung

Die manuelle Datenerfassung und -ergänzung im mySugr Diabetes Tagebuch ist sehr umfangreich und umfasst viele verschiedene Datenkategorien. So können die Mahlzeiten sehr genau eingegeben werden, bis hin zu einzelnen Zutaten. Außerdem gibt es 48 Icons mit verschiedenen Begriffen der subjektiven Befindlichkeit und verschiedener Aktivitäten, die man zuordnen kann. Zusätzlich kann man Blutdruck, Körpergewicht, Ketone und sogar den HbA1c-Wert erfassen. Die Liste lässt sich anpassen, indem man die Eingabefelder nach oben oder unten schiebt. Es ist auch möglich Datenfelder komplett auszublenden. Benötigt man eines davon doch, kann man sich über einen Button sämtliche Datenfelder einblenden lassen und Werte eintragen.

Standardtexte und Medikamente

Die Datenerfassung erfolgt neben der Werteeingabe im Wesentlichen über Scrollinglisten, die der Benutzer verändern kann.

Tagebuch

Eine Auflistung aller Werte im Sinne eines Tagebuchs findet man auf der Startseite.

Diagramme/Statistik

Wischt man die Startseite nach links, erhält man eine ähnliche Wochenansicht. Die App zeigt zunächst die Anzahl an Werten, dann Durchschnittswerte, darunter eine Liste mit Diagrammen der Kurvenverläufe der letzten Wochen. Wischt man wieder nach links, erhält man eine Übersicht über 14 Tage. Weiteres Wischen nach links führt auf die Übersicht über den Monat, dann über das komplette Quartal. Tippt man auf eine Kurve, erhält man eine Leiste mit Durchschnittswerten sämtlicher in der App gespeicherten Werte.

2. Erweiterte Nutzung

MySugr bietet neben der dem MySugr-Tagebuch vier weitere Apps für Diabetiker an: MySugr Junior, MySugr Scanner, MySugr Diabetes Schulung (Academy) und MySugr Quiz.

Für den Patienten

Mit MySugr Analyse und MySugr Importer werden zwei Web-Applikation angeboten, die als Erweiterung des MySugr Tagebuchs dienen.

MySugr Academy gibt es nicht nur als Smartphone-App, sondern auch als Web-Applikation.

Für den Arzt

Hierzu sind keine Angaben vorhanden.

Technik

Die Smartphone-Apps MySugr Scanner, MySugr Academy und MySugr Quiz sind nur für das iOS-Betriebssystem konzipiert.

Link

3. Datenschutz und Sicherheit

Die Datenschutzerklärung entspricht österreichischem Recht, da der Hersteller in Wien sitzt. Das muss kein Nachteil sein, denn die Datenschutzgesetze sind europaweit angeglichen. Allerdings ist der Text schwer zu verstehen, und viele wichtige Aspekte sind nicht zu finden. Wir haben die Datenschutzerklärungen aller Hersteller nach einem eigenen Anforderungskatalog ausgewertet und stehen in Kontakt mit einem Datenschützer, der unsere Erkenntnisse überprüft. Sobald seine Ergebnisse vorliegen, werden wir hier darüber berichten.

4. Der Power-User meint...

Undurchsichtiges Angebot für Kinder und Jugendliche

Gesamteindruck

Sowohl das Design als auch die Struktur und die Arbeitsweise sind zielgruppengerecht sehr spielerisch gestaltet. Ein umfangreiches Handbuch ist in der App gespeichert. Das besteht im Wesentlichen aus gezeichneten Bildern, durch die man sich mühsam durch scrollen muss. Den Informationsgehalt eines ganzseitigen Bildes hätte man ohne weiteres in einem oder zwei Sätzen formulieren können, durchaus kind- und jugendgerecht.

Der Sinn der Punktegewinne erschließt sich mir nicht. Mit dreißig Punkten pro Tag habe ich mein Diabetes-Monster besiegt! Womöglich bin ich zu alt für solche Spielchen …

Ebenso bleibt der Zusatznutzen der In-App-Käufe verborgen. Es gibt drei Varianten: Pro – € 2,99 / Pro – € 27,99 / Companion Pro – € 139,99

Welche zusätzlichen Funktionen damit freigeschaltet werden, findet man weder in der kostenlosen App noch in den App-Stores und auch nicht auf der Internetseite. Dort wird nur eine Unterscheidung zwischen der Free- und der Pro-Version vorgenommen. Unsere Nachfrage blieb unbeantwortet.

Datenschutz

Die Datenschutzbedingungen sind sehr unklar formuliert. Selbst Datenschützer konnten uns bisher noch nicht genau sagen, was der Anbieter mit den Daten macht.

Fazit

Die App bietet funktional, optisch und durchaus auch pädagogisch einen interessanten Ansatz für eine spezielle Klientel, nämlich Kinder und Jugendliche mit Typ I-Diabetes. Sie soll und kann dieser Zielgruppe helfen, ihren Diabetes zu beherrschen, weil sie auf eine spielerische Art an die lästige Datenerfassung und Dokumentation herangeht. Die Schulungsvideos (Zeichentrickfilme) zum Thema Diabetes sind auch wirklich sehr gut und altersgerecht.

Die durchgängig genutzte Scrollingtechnik mag schick und zielgruppengerecht zu sein – sie aber ist weder praktisch noch schnell! Ein Erwachsener, der im Arbeitsleben steht, wird daran verzweifeln. Viele Kritiker im Internet führen die völlig untransparenten in-App-Käufe als problematisch an. Dem kann ich nur zustimmen. Und schließlich weiß der Nutzer nicht, was mySugr mit seinen Daten in der Cloud anstellt – selbst wenn er die Datenschutzerklärung durchliest.

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