In fünf Jahren aus der Steinzeit ins Atomzeitalter
Stand Juni 2016
Eines vereint alle Diabetiker: die ständige Kontrolle der Blutzuckerwerte durch Blutzuckermessgeräte sowie ein klarer Blick auf die Werte und den Verlauf der Werte. Beides muss wie Tischgebet und Zähneputzen Einzug in den Alltag finden. Man misst sicher nicht nicht gerne, aber weiß, dass es notwendig ist. Diabetes ist eine individuelle Krankheit, die bei jedem Diabetiker andere Auswirkungen hat und individuell behandelt werden muss. Dieser Artikel verfolgt die Entwicklung von Blutzuckermessgeräten und zeigt eine aktuelle Marktübersicht.
Die Diagnose: „Sie haben Diabetes“ kommt meist überraschend, denn in der Regel haben die Betroffenen weder Schmerzen noch Leidensdruck. Häufig wird ein Diabetes zufällig durch einen allgemeinen Gesundheits-Check entdeckt. Die Ausnahme sind Kinder, die früh einen Typ I-Diabetes entwickeln und dann richtig krank sind.
Lebensverändernd

©Techniker-Krankenkasse
Mit der Diagnose ändert sich für viele von einem auf den anderen Tag das ganze Leben. Der beste Therapeut bei Diabetes ist der Patient. Seine Einsicht, seine Lebensumstellung und -einstellung, sein konsequentes Verhalten sind die beste Medizin. Dazu gehört neben kontrollierter Ernährung und ausreichend Bewegung auch die regelmäßige Blutzuckerkontrolle und der enge Kontakt zum Arzt.
Die Blutzuckermessgeräte sind heute klein und handlich, kein Vergleich zu den frühen Geräten aus den 70iger und 80iger Jahren. Aber eines bleibt bestehen: der Piks. Obwohl weltweit daran geforscht wird, hat eine unblutige Blutzuckermessung noch nicht die Marktreife erlangt. Bis es soweit ist, müssen die Diabetiker täglich mehrfach piksen, messen, piksen, messen, piksen, messen.
Doch das Messen allein reicht nicht aus. Eine Blutzuckermessung gibt nur einen einzelnen Wert wieder. Für die Wahl der richtigen Therapie benötigt der Arzt jedoch den Verlauf der Messwerte über einen Tag oder eine Woche hinweg, und zwar sowohl vor als auch nach den Mahlzeiten sowie vor und nach bestimmten Aktivitäten. Manchmal ist sogar ein Messdaten-Profil über drei Monate erforderlich. Daher ist der zweite Schritt nach dem Messen die Dokumentation.
Dokumentation der Messwerte

©Berlin-Chemie / Menarini
Wohl jeder Diabetiker kennt das kleine blaue Blutzuckertagebuch, dass er beim ersten Praxisbesuch von seiner Diabetesberaterin in die Hand gedrückt bekommt. Hier soll er also die Blutzuckerwerte eintragen. Mit Datum und Uhrzeit und einer Mahlzeitenkennung (Messung vor bzw. nach dem Essen). Diese Methode ist nicht nur äußerst zeitaufwändig, sondern auch anfällig für Fehler. Die Mittelwerte müssen von Hand eingetragen, die Verlaufskurve von Hand erstellt werden.Außerdem besteht die Gefahr, dass das Tagebuch verloren geht.
Aber dieses blaue Büchlein hinkt den modernen technologischen Möglichkeiten hinterher, denn die aktuellen Messgeräte können weitaus mehr als nur die Werte speichern. Sie versehen jede Messung mit Datum und Uhrzeit, viele Geräte errechnen Mittelwerte oder zeigen sogar ein Verlaufsdiagramm an. Außerdem kann man weitere Informationen erfassen, wie beispielsweise die Mahlzeitenkennung.
Aber wie bekommt man die Werte nun zum Arzt? Dies kann vor allem zwischen den regelmäßigen Terminen wichtig werden, wenn man den Eindruck hat, dass irgend etwas nicht stimmt oder wenn plötzlich mehrere Hypoglykämien aufeinander folgen. Außerdem macht es Sinn, weitere Daten zu dokumentieren, wie die Ernährung, sportliche Aktivitäten, ja vielleicht sogar den Blutdruck, der oft zusammen mit dem Diabetes kontrolliert werden muss.
Vom PC-Programm zur App
Dazu rüsten seit rund zehn Jahren verschiedene Hersteller ihre Blutzuckermessgeräte mit einer Datenschnittstelle aus. Damit werden die Daten vom Blutzuckermessgerät auf einen PC übertragen und dort mit einem speziellen Programm weiter verarbeitet. Es können zusätzliche Daten erfasst sowie Verlaufsdiagramme und Statistiken erstellt werden, außerdem kann der Patient die Daten per E-Mail an seinen Arzt weiterleiten. Manche Programme gibt es auch zusätzlich in einer speziellen Version für Ärzte. Damit können sie den Datenexport der Patienten in ihre Programme importieren und haben so einen ständigen Überblick über all ihre Patienten.

Aber auch das ist inzwischen überholt. Auf der Entwicklerkonferenz der Firma Apple stellte der amerikanische Pharmakonzern Johnson&Johnson 2009 erstmals eine iPhone-App vor, die Daten über die Bluetooth®-Schnittstelle drahtlos von einem Blutzuckermessgerät erhielt und eine Weiterverarbeitung auf dem Smartphone ermöglichte. Dieses System wurde erst 2013 von der amerikanischen Gesundheitsbehörde für die Vermarktung freigegeben. In dieser Zeit nahmen zwei deutsche Firmen diesen Gedanken auf: der Frankfurter Pharmahersteller Sanofi und Medisana, Hersteller von unterschiedlichen Geräten im Gesundheitsbereich, von der Heizdecke bis zum Blutdruckmessgerät.
Beide Firmen brachten zu Beginn des Jahres 2011 fast zeitgleich jeweils ein System zum Erheben und Verwalten von Blutzuckerwerten in einer Smartphone -App auf den Markt. Die Systeme basierten auf aufsteckbaren Messgeräten, die über den damals üblichen 30-poligen Connector mit dem iPhone verbunden wurden. Dementsprechend gab es auch die dazugehörige App nur für das iOS-Betriebssystem. Smartphones mit dem Android-Betriebssystem hatten damals noch keine Marktrelevanz.
Damit taten sich auf einmal ganz neue Möglichkeiten auf. Das leistungsstarke Mobiltelefon mit all seinen Funktionen war auf einmal der verlängerte Arm des Messgerätes. Nach der Messung ließen sich nunmehr die unterschiedlichsten Daten erfassen und auswerten. Und man konnte sie direkt über das Mobiltelefon per Email an den Arzt weiterleiten. Medisana entwickelte daraus ein komplettes Health-Tracking-System, bei dem viele unterschiedliche Messgeräte wie Körperanalysewaage, Blutdruckmessgerät oder Thermometer mit dem iPhone gekoppelt werden konnten.
Das Zeitalter der Funkübertragung
Es dauerte nicht lange, und mit den Android-basierten Smartphones kam eine harte Konkurrenz für Apple’s iPhone auf. Bald erwies es sich als Problem, dass die Geräte mit unterschiedlicher Hardware ausgestattet waren und jeweils individuelle Schnittstellen zur Außenwelt hatten. So kam wieder der ursprüngliche Gedanke von 2009 auf. Bluetooth® war inzwischen ausgereift, und so setzten fast alle Hersteller voll auf die Funktechnologie. Praktisch jedes Smartphone hat inzwischen diese Möglichkeit eingebaut.
Aber am Horizont lauert schon der Nachfolger: die „Near Field Communication“, kurz NFC, über die auch elektronische Bezahlvorgänge an der Supermarktkasse abgewickelt werden, steht in den Startlöchern. Einige Hersteller von Blutzuckermessgeräten bieten diese Funktechnologie heute an. Sie ist aber noch nicht in allen Smartphones zu finden.
Die aktuellen Anbieter
Zunächst muss man die Apps in zwei Kategorien einteilen: reine Blutzuckerapps, die nur teilweise zusätzlich die Erfassung weiterer Daten ermöglichen, und Health-Tracking-Apps, an die Messgeräte für die Erfassung unterschiedlichster Vitaldaten angeschlossen werden können, unter anderem auch Blutzuckermessgeräte.
Aktuell sind drei Health-Tracking-Systeme im deutschen Markt erhältlich, die auch eine Blutzuckermessung anbieten. Die Systeme stammen von den Geräteherstellern Beurer, Medisana und iHealth.
Von den großen Pharmaherstellern bieten derzeit folgende Firmen Blutzuckermessgeräte mit Anbindung an eine eigene App an:
- Roche (Gerätename: Accu-Chek)
- Sanofi (Gerätename: BGStar)
- Johnson & Johnson / Livescan (Gerätename: OneTouch)
- Menarini/Berlin-Chemie (Gerätename: GlucoMen)
- BodyTel (Gerätename: GlucoTel )
- Ypsomed (Gerätename: myLife – Sonderlösung, App nur zum Anschauen der Daten in der Cloud)
Außerdem gibt es Anbieter von Apps, die teilweise eine Datenübernahme von Blutzuckermessgeräten verschiedener Hersteller ermöglichen, sowie Apps in die der Benutzer die Werte ausschließlich von Hand einträgt.
Die Cloud

Ein weiterer maßgeblicher Schritt in die Zukunft ist die Entwicklung und Einbindung von Cloud-Funktionen. Das wird von immer mehr Herstellern umgesetzt. Die Daten werden nicht mehr nur im Gerät lokal gespeichert, sondern zusätzlich oder exklusiv in einer Cloud. So können der Diabetiker und sein Arzt über eine Webapplikation auf die Daten zugreifen. Aber nicht nur Sie! Die Cloud eröffnet auch den Anbietern der Systeme bisher ungeahnte Möglichkeiten der Auswertung anonymisierter oder sogar personenbezogener Gesundheitsdaten. Hier sind die Datenschützer gefordert. Das Portal www.blutzucker-app.de wird sich diesem Thema noch ausführlich widmen. Problematisch erscheint, dass die Auswertung personenbezogener Gesundheitsdaten bis hin zum Aufbau von Persönlichkeitsprofilen der betroffenen Patienten nicht verboten ist, sofern der Benutzer der Datenschutzerklärung zustimmt. Diese kann sehr lang und in schwer verständlichem Juristendeutsch verfasst sein. Damit ist unwahrscheinlich, dass der Nutzer sie wirklich liest und versteht. Hier herrscht dringender Aufklärungs- und Handlungsbedarf. Auch können diese Clouds Ziel krimineller Aktivitäten sein und müssen daher gut vor virtuellen „Raubzügen“ gesichert werden.
Ausblick
Der technologische Fortschritt geht im Bereich der Blutzuckermessgeräte mit Smartphone-App rasant weiter. Die Zahl der Systeme wächst, beinahe monatlich erscheinen Updates der Programme in den App-Stores der beiden großen Smartphone-Betriebssysteme. Die größten Probleme scheinen allerdings nicht in der Technik, sondern in einem angemessenen Datenschutz zu liegen. Wird den Herstellern der Systeme nicht von allen Seiten auf die Finger geschaut besteht die Gefahr, dass diese wichtigen und sensiblen persönlichen und medizinischen Daten in einer Form genutzt werden die – zumindest hier in Europa – gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Dazu gehört die Erstellung von Persönlichkeitsprofilen. Hier müssen die Anbieter in die Pflicht genommen werden klare und verständliche Datenschutzerklärungen zu verfassen, die den Umgang mit den Daten einfach und klar verständlich transparent machen. Dem Nutzer ist nicht zuzumuten, einen mehrseitigen juristischen Text zu lesen.
(MR)